2007: Doris Lessing (1919 – )
Die gebürtige Perserin Doris Lessing zählt neben Virginia Woolf zur größten englischsprachigen Autorin des 20. Jahrhunderts, was vor allem an ihrem einzigartigen und nie erreichten Schreibstil liegt, der die verschiedensten menschlichen Aspekte in einem ganz neuen Licht darzustellen weiß.
Als Doris May Taylor wurde Lessing am 22.Oktober 1919 in Kermanschah, welches im heutigen Iran anzusiedeln ist, geboren. Die Tochter eines britischen Offiziers und einer Krankenschwester zog gemeinsam mit ihren Eltern 6 Jahre nach der Geburt in eine andere britische Kolonie, Südrhodesien, heute bekannt als Simbabwe. Dort besuchte sie zuerst eine Klosterschule und später die High School in der Landeshauptstadt Harare. Nebenbei arbeitete sie hart auf dem Familiengut, das anders als von der Mutter geplant aber keinen großen Reichtum mit sich trug. Nach dem Schulabbruch im Alter von 14 Jahren genoss Lessing keine weitere Bildung. Mit bereits 20 wurde sie das erste Mal verheiratet und weitere sechs Jahre darauf mit dem deutschen Diplomaten Gottfried Lessing das zweite Mal. Trotz relativ kurzer Ehe behielt sie den deutschen Nachnamen, unter dem sie heute bekannt ist. Ihre Werke, die sie nach und nach veröffentlichen konnte, spiegeln zumeist die selbstgemachten Erfahrungen innerhalb des kolonialen Afrikas wieder. Ihre erste literarische Phase spezialisierte sich mehr auf die kommunistische Sicht von Lessing, wobei die zweite eher auf psychologische Aspekte achtete. Noch im Scheidungsjahr 1949 veröffentlichte Doris Lessing mit dem Roman „The grass is singing“ (Afrikanische Tragödie) ihr erstes großes Werk. In diesem bezog sich die Autorin auf die große Problematik der Rassenfrage und integrierte erstmals eine weibliche Sicht in den Themenbereich.
Auch der zweite große Roman, der wohl als ihr größter anzusehen ist, landete einen riesigen Erfolg. In „Das goldene Notizbuch“ aus dem Jahr 1962 beschrieb sie die Erlebnisse von zwei intellektuellen und emanzipierten Frauen, die sich politisch engagieren. Das Werk charakterisiert sich aus eigenen Erfahrungen, den politischen Zusammenhängen und der Kreativität der Autorin. Lessing verwendete wie in eigentlich allen ihren Werken autobiografische Aspekte und erhielt dafür großen Zuspruch innerhalb der Literaturkreise, die den Roman als großen Klassiker des Feminismus feierten. In der letzten, von ihr selbst als größte Phase beschriebenen Wirkungszeit scheint die islamische Mystik das zentrale Thema. So gilt für sie selbst die Reihe „Canopus in Argos“, welche innerhalb der Jahre 1979-83 verfasst wurde, als größte literarische Leistung. 2007 überreichte man der mittlerweile 88-Jährigen für ihre gefühlvolle Darstellung in Verbindung mit visionärer Kraft den Nobelpreis für Literatur.
2006: Orhan Pamuk (1952 – )
Der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk präsentiert momentan einen der facettenreichsten Autoren im Bereich der Betrachtung der eigenen Heimat und schafft es auf eine besondere Erzählweise die Geschehnisse innerhalb des Orients in ihrer ganzen Komplexität darzustellen.
In einem fünfstöckigen Wohnhaus wuchs der am 7.Juni 1952 im Istanbuler Stadtteil Şişli geborene Pamuk als Mitglied einer Großfamilie auf. Schon im Alter von 7 Jahren begann er sich der Kunst zuzuwenden, auch wenn sich diese zunächst in einer anderen Gattung als der späteren wiederspiegelte. Pamuks Großvater war als Eisenbahningenieur zu einem gewissen Wohlstand gekommen und so zogen auch nachfolgende Familienmitglieder in diesen Bereich. Pamuk aber widersprach diesem und begann mit der Malerei. Nach der Grundschule und dem Robert College schrieb er sich wie schon der Vater an der Technischen Universität von Istanbul ein, wobei er aber weit weg von der Tradition das Studienfach Architektur wählte. Seinen Abschluss konnte er nach einem Fachwechsel 1977 im Fachbereich Journalismus absolvieren. Mitten im Studium entschloss er sich aufgrund der politischen Lage, in der er nur durch die Schriftstellerei einen Weg sah, seine Intention zu verwirklichen, sich vollends dem Schreiben zu widmen. Nach langen Jahren, in denen Pamuk nicht wirklich einen eigenen Lebensunterhalt verdiente und bei der Mutter oder in der familiären Sommerresidenz hauste, konnte er mit „Cevdet Bey ve Ogullari“ 1982 sein erstes Werk herausbringen. Die späteren Jahre verbrachte er mit einer kleinen Ausnahme von 1985-88, wo er sich in den USA aufhielt, ausschließlich in der Heimatstadt Istanbul.
Nach einigen Lesereisen und Vor-Ort-Recherchen, für die Pamuk noch kurze Ausflüge aus Istanbul heraus wagte, veröffentlichte er besonders in den 90ern und im Jahrzehnt nach der Jahrtausendwende seine größten Werke, in denen er zumeist die Situation in der Türkei beschreibt. Der stetige Wandel und das hin und her zwischen Orient und Okzident versucht Orhan Pamuk in den einzelnen Romanen in einem besonderen Licht darzustellen. So entstanden 1994 „Das neue Leben“ und 2002 „Schnee“. Neben der selbstgemachten Erfahrung, sind Pamuks Werke vor allem von politischer Motivation gespickt. Ein Aspekt, wegen dem Pamuk gerade von konservativen Türken reichlich mit kritischem Auge betrachtet wird. Unter anderem setzt sich der türkische Erfolgsautor für den EU-Beitritt seines Landes ein, wobei anzumerken ist, dass die Darstellung innerhalb seiner Werke dem deutlich kontrovers gegenübersteht. Nichtsdestotrotz erfreut sich Pamuk nach wie vor einer großen Anhängerschaft und konnte speziell nach dem Millennium eine Reihe von literarischen Auszeichnungen wie 2005 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels oder 2006 den Literaturnobelpreis gewinnen.
2004: Elfriede Jelinek (1946 – )
Die Österreicherin Elfriede Jelinek schafft es aufgrund ihres künstlerischen Schaffens, welches von Dramen und Romanen, bis hin zu Theaterstücken und Hörspielen reicht, dass ein großes Publikum ihrer besonderen Sicht der sozialen Missstände Begeisterung schenkt.
Als Tochter eines jüdischen Chemikers, der nur aufgrund seiner Wichtigkeit dem Konzentrationslager entging und einer Mutter, die großbürgerlichen Wurzeln entsprang, wurde Jelinek am 20. Oktober 1946 in Mürzzuschlag in der Steiermark geboren. In ihrer Kindheit genoss sie hauptsächlich den Kontakt zur Mutter, da der Vater zunehmend in psychische Probleme verfiel. Nach einem katholischen Kindergarten besuchte sie eine Klosterschule, deren Besuch ihr aber von den Nonnen selbst als hinderlich bestätigt wurde. Jelineks Mutter plante von Beginn an eine äußerst musikalisch geprägte Zukunft ihrer Tochter. So besuchte sie bereits ab dem 14.Lebensjahr das Wiener Konservatorium, wo sie zunächst Klavier, Blockflöte und Orgel, später sogar noch Komposition studierte. Nebenbei kam sie einer gewöhnlichen Schulausbildung nach und besuchte ein Realgymnasium der Stadt. Ab 1964 studierte sie dann Theaterwissenschaften und Kunstgeschichte, was sie jedoch nach kurzer Zeit aufgrund von Depressionen wieder abbrach. Isoliert von der Außenwelt lebte sie im folgenden Jahr fast ausschließlich zu Hause und widmete sich mehr und mehr der Schriftstellerei. Aus dieser Zeit stammt mit dem Gedichtband „Lisas Schatten“ auch die erste große Veröffentlichung. Nach dem Tod ihres Vaters 1969 kam es zu einer Wendung in Jelineks Leben.
Sie erholte sich zunehmend und wurde zudem auch politisch aktiv. Ihr Beitritt zur Studentenbewegung sollte erst der Anfang sein. Drei Jahre nach dem Abschluss des Orgelstudiums aus dem Jahr 1971, trat Jelinek in die kommunistische Partei Österreichs ein, aus der sie Anfang der 90er wieder austrat. Noch im gleichen Jahr veröffentlichte sie ihr erstes großes Hörspiel „Wenn die Sonne sinkt, ist für manche schon Büroschluss“, was innerhalb der Heimat als Hörspiel des Jahres ausgezeichnet wurde. Ein Jahr später ging der Erfolg weiter und so gilt der Roman „Die Liebhaberin“ als der endgültige Durchbruch. Es folgten weitere vielumjubelte Werke, ob als Hörspiel oder Roman. Neben positiver Rezension erntete Jelinek aber auch reichlich Kritik, vor allem für das „Burgtheater“ 1985. Auch durch ihr wohl größtes Werk „Lust“, welches 1989 herausgebracht wurde, sorgte Elfriede Jelinek für großes Aufsehen. Nachdem ein weiteres Theaterstück Mitte der 90er erneut eine scharfe Kritik zur Folge hatte und Angriffe auf ihre Person Überhand nahmen, zog sich die Literaturnobelpreisträgerin des Jahres 2004 aus der Öffentlichkeit zurück, wagte aber in den vergangenen Jahren mehrmals das Comeback.
2003: John Maxwell Coetzee (1940 – )
John Maxwell Coetzee ist ein südafrikanischer Schriftsteller, der für seine bedeutsame Darstellung der sozialen und politischen Missstände innerhalb seines Landes und den Menschen an sich als erster Autor neben dem Literaturnobelpreis auch zweimal den Booker Prize gewinnen konnte.
Als Sohn von einer Lehrerin und einem Rechtsanwalt wurde Coetzee am 9.Februar 1940 in Kapstadt geboren. Obwohl er einer burischen Familie entsprang, achteten die Eltern sehr darauf, dass er hauptsächlich mit der englischen Sprache in Kontakt kam, was nicht verhindern konnte, dass er mit der Zeit auch des Afrikaans mächtig wurde. Nach der Schule schrieb er sich an der Universität in Kapstadt ein, wo er ab 1957 neben English auch Mathematik studierte. Einem sehr erfolgreichen Abschluss folgte eine Anstellung bei IBM in England, wo er die ersten drei Jahre nach dem Studium als Programmierer arbeiten sollte. Später zog es ihn dann in die Vereinigten Staaten. Ende der 60er-Jahre promovierte Coetzee schließlich an der University of Texas über die von Samuel Beckett verfasste Prosa und legte so den Grundstein für den Erfolg, der sich in den kommenden Jahren ergeben sollte. Zurück in der Heimat lehrte er zunächst an der Universität, wo er selber einst mit dem Studium begann. Bereits mit seinem ersten großen Werk, der Erzählung „Dusklands“, welche Coetzee 1974 verfasste, gelang ihm der große Durchbruch. Die Geschichte ist eine Art Erzählung, in der deutlich Parallelen zwischen den im Vietnam stationierten amerikanischen Truppen und den niederländischen in Südafrika allegorisch gezogen werden.
Auch die nachfolgenden Veröffentlichungen konnten große Erfolge erzielen und sich einer immensen öffentlichen Betrachtung erfreuen. 1980 erhielt er für den Roman „Warten auf die Barbaren“ den höchsten südafrikanischen Literaturpreis und nur drei Jahre später für ein weiteres Werk den ersten Booker Prize. Neben seiner Tätigkeit als begnadeter Schriftsteller lehrte Coetzee an zahlreichen namenhaften Universitäten. So führte er unter anderem Vorlesungen in Harvard und Stanford, der John Hopkins University und der State University in New York. Besonders in den 80ern galt Coetzee als einer der am meist beachteten Autoren und erhielt zahlreiche Auszeichnungen mit sehr hochdekorierten Literaturpreisen. Auch wenn man ihm heute innerhalb seiner Heimat kritisiert und fehlende Kontur bei der politischen Betrachtung anprangert, ist Coetzee international weiterhin äußerst gefragt. Seit 2002 lebt er in Australien, lehrt dort nach wie vor an der Universität und ist seit 2007 im Besitz der australischen Staatsbürgerschaft. Im Jahre 2003 erhielt John Maxwell Coetzee schließlich den von Experten längst geforderten Literaturnobelpreis.
1999: Günter Grass (1927 – )
Günter Grass ist Schriftsteller, Maler, Bildhauer, Literaturexperte und durchweg Künstler, was ihn noch heute nicht nur zu einem der am meisten beachtesten Personen Deutschlands, sondern zu einem international bewunderten Autoren der Gegenwart macht.
Die eigentliche Heimat des Weltautors liegt in Polen. Am 16.Oktober 1927 in Danzig geboren, konnten die Eltern, ein protestantischer Lebensmittelhändler und eine kaschubisch stämmige Katholikin, nicht ahnen, welchen Werdegang ihr einziger Sohn nehmen sollte. In relativ ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, diente Grass zunächst als Messdiener und kam in die Hitlerjugend, auch wenn er von dieser von Beginn an kein gutes Bild hatte. Nach dem Besuch der Volksschule und des Gymnasiums in Danzig, meldete sich Grass, um seinen finanziellen Beitrag für die Familie zu leisten, 1941 freiwillig für die Wehrmacht. 1945 gelangte er innerhalb der kriegerischen Handlungen schließlich in Kriegsgefangenschaft. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges machte er zunächst eine Lehre als Steinmetz, bevor er zwischen 1948 und 1952 Grafik und Bildhauerei in Düsseldorf studierte. Dieses Studium setzte er später an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin fort. Neben einigen plastischen Ausstellungen Mitte der 50er-Jahre zog es Grass auch langsam in den literarischen Bereich, in dem er anfänglich an Kurzprosa und einzelnen kleineren Theaterstücken arbeitete. 1959 entstand mit „Die Blechtrommel“, welche später sogar verfilmt wurde, Grass` erster Roman, der auf Anhieb großen Erfolg verbuchen konnte. Mit der eher gegenständlichen Darstellung der Geschehnisse des Zweiten Weltkriegs entschloss sich Grass gegen das von allen beschriebene, formale Bild, distanzierte sich somit in einem ganz eigenen Stil und schaffte es als erster deutscher Autor nach dem Weltkrieg wieder für internationales Aufsehen zu sorgen.
Grass nutzte das öffentliche Interesse an seiner Person und warb für die politischen Interessen seines Freundes Willy Brandt. So nahm er an Wahlreisen, politischen Kundgebungen, bei denen er sich selbst zu Wort meldete und Wahlkämpfen teil. 1982 trat er in die Partei der Sozialdemokraten ein, eckte jedoch aufgrund seiner Ansichten innerparteilich mehrfach an. Grass sprach sich unter anderem gegen die Wiedervereinigung aus und stellte 1992 seine parteilichen Aktivitäten ein, blieb aber als Berater politisch aktiv und unterstütze beispielsweise den Wahlkampf von Heide Simonis in Schleswig-Holstein. Literarisch schreibt Grass noch heute seine Werke nach der alten Rechtschreibung und veröffentlicht fleißig weiter. So entstanden 2006 die Erinnerungen „Beim Häuten der Zwiebel“ oder 2008 der Roman „Die Box“. Für 2010 plant der Literaturnobelpreisträger von 1999, der auch über eine Vielzahl anderer Preise verfügt, die Herausgabe von „Unterwegs von Deutschland nach Deutschland. Tagebuch 1990“.
1996: Wislawa Szymborska (1923 – )
Die polnische Schriftstellerin Wislawa Szymborska beschreibt in natürlicher Weise die biologischen Zusammenhänge, die den Menschen als Individuum existieren lassen und ihn in einen zeitgenössischen Kontext interpretiert zeigen.
In Bnin ganz in der Nähe von Posen wurde Szymborska am 2.Juli 1923 geboren. Als die junge Polin acht Jahre alt war, zog ihre Familie nach Krakau, wo sie noch heute lebt. Nach dem erfolgreich bestandenen Abitur 1941 und vier Jahren, in denen sie sich mittels Gelegenheitsarbeiten über Wasser hielt, studierte Wislawa Szymborska an der Jagiellonen-Universität Soziologie und Polnische Literatur. Drei Jahre später brach sie dieses aber ohne richtige Abschluss ab und versuchte fortan ihren Weg in der Literatur zu finden. Zu Beginn der 50er-Jahre veröffentlichte die häufig als ironische Autorin Charakterisierte erste kleinere Schriften in Tageszeitungen und Magazinen. Nachdem ihr erster geplanter Band aus ideologischen Gründen verboten wurde, konnte sie mit „Deshalb leben wir“ schließlich die erste Gedichtesammlung herausbringen. Stark sozialistisch geprägt, erntete dieses Erstlingswerk bereits reichlich Erfolg, später distanzierte sich Szymborska aber zu der nicht ausschließlich im Osten verwendeten Diktatorenverherrlichung. Fünf Jahre darauf wurde ihr auch international mehr Beachtung geschenkt. Ihr zweiter großer Sammelband „Rufe an Yeti“, der wesentlich unpolitischer geprägt war und sich mehr auf die natürlichen Gegebenheiten und die alltäglichen Kontakte des Menschen mit seiner Außenwelt konzentrierte, kann so als der wirkliche Durchbruch angesehen werden.
In den folgenden Jahren pflegte Wislawa Szymborska einen engen Kontakt zu Frankreich, so schrieb sie Mitte der 80er-Jahre für die im Exil Paris erscheinende Untergrundzeitschrift Kultura. Des Weiteren macht sie sich seit Jahrzehnten einen Namen als hervorragende Übersetzerin, vor allem für die Werke des französischen Dichters Theodore Agrippa d´Aubigne’, der während des 16.Jahrhunderts einer der angesehensten Autoren war. Szymborska selbst distanziert sich heute stark zum Sozialismus und verbindet nur noch wenig mit dem früh Geschriebenen. Vor allem in den 80ern und 90ern brachte sie noch eine Reihe von erfolgreichen Gedichtbänden wie „Hundert Freuden“ oder „Auf Wiedersehen. Bis Morgen.“ heraus. Außerdem erhielt sie besonders im letzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts viele Auszeichnungen wie den Goethe-Preis 1991, den Literaturnobelpreis oder den Ehrenpreis des Polnischen PEN-Cubs 1996.
1995: Seamus Justin Heaney (1939 – )
Der Ire Seamus Justin Heaney ist ein großer Lyriker, der im gesamten englischsprachigen Raum noch heute für seine unnachahmliche Interpretation lyrischer Schönheit und deren Gestaltung mit ethischen Kompositionen bewundert wird.
In der Grafschaft Couny Derry im Herzen Nordirlands wurde Seamus Heaney am 13.April 1939 geboren. Einer Kindheit in bescheidenen Verhältnissen, die er auf einem katholischen Bauernhof verbrachte, folgte ein Studium der Englischen Philologie, welches ihn in die Hauptstadt Belfast führte. Nach seinem Abschluss verdiente er sich zunächst mit Lehrer- und Dozententätigkeiten seinen Lebensunterhalt. An der katholischen St. Thomas Secondary School unterrichtete er wie später auch am St.Joseph College vordergründig Englisch. Aus den 60er-Jahren stammen auch seine ersten Werke, mit denen sich Heaney den Ruf eines für die Zeit sehr wichtigen Dichters erarbeitete. In „Death of a Naturalist“ 1966 und in „Door into the Dark“ drei Jahre später verarbeitete er zum einen eine hohe Naturmetaphorik, zum anderen die Mythen- und Sagengeschichten seines Heimatlandes. Anfang der 70er-Jahre unternahm Heaney größere Reisen und zog für eine längere Zeit in die USA, wo er an der kalifornischen Universität Berkeley und später in Harvard unterrichtete. Mit der Zeit veränderte sich auch Heaneys Intention des Schreibens. Anders als noch zu den eigenen schriftstellerischen Anfängen waren „Wintering Out“ und das 1979 erschienene „North“ wesentlich politischer geprägt. Hier beschäftigte sich Heaney vorrangig mit dem Nordirlandkonflikt, wobei er aber keinesfalls zum politischen Polemiker werden wollte. Vielmehr war es eine Darstellung des eigenen Empfindens, welches sich bei Heaney sowohl als kulturelle britische Identität, als auch Mitglied der katholischen Minderheit Nordirlands erkennen ließ.
Den großen Erfolg der 60er konnte Heaney aber damit nicht wiederholen und so gelten vor allem die Werke als entscheidend und bedeutsam, in denen er die natürlichen Komponenten metaphorisch auf die Seele des Menschen überträgt.. Darauf spezialisierte er sich dann später auch wieder und brachte weitere Gedichtsammlungen heraus. Neben der hohen literarischen Anerkennung, erhielt Seamus Heaney hoch einzustufende Ehrungen wie den Literaturnobelpreis 1995 als dritter Ire nach Yeats und Beckett oder im vergangenen Jahr die Cunningham Medal und den David-Cohen-Preis. Seit 1975 hat Seamus Justin Heaney einen festen Wohnsitz in Dublin, wo er nach wie vorauf die großen Tage seines Lebens zurückblicken kann.
1990: Octavio Paz (1914 – 1998)
Octavio Paz war der größte mexikanische Schriftsteller aller Zeiten und schaffte es durch seine tiefgehende Poesie, welche von berührender Sinnlichkeit geprägt wurde, zu einem international hochangesehenen Dichter.
Paz kam am 31.März in der Hauptstadt Mexico-City zur Welt, wo er eine gewöhnliche, für die Nachwelt ereignislose Kindheit durchlebte. Bereits im Alter von 17 Jahren ebnete sich Paz seinen Weg, in dem er sich mehr und mehr seiner Leidenschaft, der Literatur, näherte. Zusammen mit Gleichgesinnten schuf er eine literarische Zeitschrift, die fortan eine Plattform für seine Texte und diejenigen anderer ermöglichen sollte. Neben den lateinamerikanischen Autoren, studierte er sehr begeistert die Schriften von Marx und Nietzsche. Mit 23 gründete er eine Sekundarschule für indianische Kinder und studierte in der Folge in Mexico, San Francisco und New York Jura und Philosophie. Mitte der Vierzigerjahre verfolgte Octavio Paz dann ähnlich wie andere große Autoren Lateinamerikas politische Interessen und betrat den diplomatischen Dienst. Während der Botschaftertätigkeit lernte er in Paris Neruda und Breton kennen, mit denen er fortan einen regen Austausch pflegte. Aus der relativ intellektuellen Zeit stammen auch die ersten großen Werke von Paz wie „Das Labyrinth der Einsamkeit“ 1950 oder das ein Jahr später erschienene „Der Bogen und die Leier“. Neben der Prosa machte sich Paz vor allem aber einen Namen mit hochbejubelten, da äußerst gehaltvollen Gedichten wie „Sonnenstein“, das mit den später geschriebenen „Weiß“ und „Von der Kladde zur Klarheit“ innerhalb Deutschlands als „Die großen Gedichte“ zusammengefasst ist. Nach dem langjährigen Aufenthalt in Paris und einer etwas kürzeren Anstellung als mexikanischer Botschafter in Indien legte Paz aus Protest gegen das Studentenmassaker von Tlatelolco 1968 sämtliche Ämter nieder.
Zurück in Mexico konzentrierte sich Octavio Paz in den letzten 25 Jahren seines Lebens ausschließlich auf die Schriftstellerei, für die er besonders in den 70er- und 80er-Jahren eine Reihe von hochdekorierten Preisen in Empfang nehmen konnte. So bekam er neben einigen nationalen Auszeichnungen unter anderem 1982 den Cervantes-Preis, 1984 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und 1990, als einziger Mexikaner überhaupt, den Nobelpreis für Literatur. 1993 brachte Octavio Paz seine Autobiografie über das politische Leben eines Poeten heraus und verstarb dreieinhalb Jahre später, am 20.April 1998, im Alter von 84 in seiner Heimatstadt Mexico-City.
1988: Naguib Mahfouz (1911 – 2006)
Der ägyptische Schriftsteller Naguib Mahfouz galt als einer der führenden Literaten der arabischen Welt und schaffte es durch seine intellektuelle Darstellung tiefgehender Probleme zum bekannten Autor und Friedenskämpfer.
Als Sohn eines Beamten wurde Mahfouz am 11.Dezember 1911 in Ägyptens Hauptstadt Kairo geboren. Nach einer sehr unbeschwerten Kindheit, die er zumeist in einem Altstadtviertel verbrachte und die Erlebnisse in späteren Werken verarbeitete, schrieb sich Mahfouz an der Universität für Philosophie ein. Nach Abschluss dessen arbeitete er fest als Beamter innerhalb des Bildungsministeriums seines Landes. Privat kam er nebenbei seiner Leidenschaft, dem Schreiben, nach und konnte in den 30er-Jahren bereits einige kleine Abdrucke in Tageszeitungen und Zeitschriften verbuchen. 1939 brachte Naguib Mahfouz dann schließlich seinen ersten Roman, mit dem er versuchte während der Kolonialzeit das Nationalgefühl und die Suche nach der ägyptischen Identität zu festigen, heraus. Nach dem ersten, der noch relativ geschichtlich geprägt war, veröffentlichte er in den 40er-Jahren weitere Romane, die nun zeitgenössischer und realitätsnäher daherkamen. Den großen Durchbruch schaffte Mahfouz Mitte der 50er, als er mit der Kairoer Trilogie innerhalb von etwas mehr als einem Jahr drei Romane über das Leben einer Kaufmannsfamilie und die generationsübergreifend erlebten Wandlungsprozesse innerhalb des Umgangs und der Annährung an den Westen auf den Markt brachte. Nur zwei Jahre später sorgte er mit dem Roman „Die Kinder unseres Viertels“, ein Werk über die Geschichte der Menschheit, für Aufsehen der besonderen Art. Innerhalb des Werkes treten Charaktere, die an Jesus, Mohammed, Moses und Adam erinnern, auf, womit Mahfouz den Unmut des konservativen Islams auf sich zieht. Schon der erste Teil, den er in einer Tageszeitung vorab zum Lesen herausgab, sorgte für scharfe Kritik und Empörung, welche Grund dafür ist, dass der Roman erst 2006 auch in arabischer Sprache komplett veröffentlichen werden konnte.
Mit diesem Werk ebnete Mahfouz auch den Weg für seine zweite Lebenshälfte. Nach Kurzgeschichten, Romanen und Essays zur Thematik setze er sich auch politisch aktiver für seine Anschauung ein. Mahfouz unterstützte den Friedensprozess in Israel und zog weiterhin das Unverständnis der fundamentalistischen Araber auf sich. Schon 1989 sprach der radikale Islamist Omar Abdul-Rahman ein Todesurteil für den Autor aus und das nur ein Jahr nach dem Erhalt des Nobelpreises für Literatur. Nur 5 weitere Jahre vergingen, als Mahfouz vor seiner Wohnung schwer niedergestochen wurde. Zwar überlebte er schwerverletzt, musste aber das folgende Jahrzehnt unter Personenschutz leben. Nachdem er im Sommer 2006 schwer erkrankte und nur noch künstlich am Leben gehalten wurde, verstarb Naguib Mahfouz am 30.August 2006 in Kairo.
1987: Joseph Aleksandrowitsch Brodsky (1940 – 1996)
Der gebürtige Russe Joseph Brodsky errang durch einzigartig gestaltete Lyrik hohes Ansehen im gesamten russisch- und englischsprachigen Raum und wirkte neben der eigens geschaffenen Lyrik als hervorragender Übersetzer großer Literatur.
Als Sohn von eines als Kriegsfotograf arbeitendem Juden und einer als Dolmetscherin fungierenden Jüdin wurde Brodsky am 24.Mai 1940 innerhalb des Kriegsgeschehens im heutigen St. Petersburg geboren. Bereits nach der 8.Klasse beendete er eigenmächtig die Schullaufbahn und erarbeitete sich später in einer Art Selbststudium Kenntnisse der englischen und polnischen Sprache. Seinen Lebensunterhalt verdiente er in den ersten Jahren mit Gelegenheitsanstellungen als Fräser, Krankenhausmitarbeiter und Aushilfe in Krankenhäusern. Ende der 50er-Jahre begann er sich zudem der Kunst des Schreibens zuzuwenden, was ihm später zu einer Berühmtheit machen sollte. Erste Veröffentlichungen stammen aus dem Jahr 1960, in dem Brodsky einige selbstverfasste Stücke und Übersetzungen anderer Lyrik in Zeitungen publizieren konnte. Brodsky gelang mehr und mehr in den Fokus der Öffentlichkeit und erlangte zunehmend Berühmtheitsstatus. 1963 wurde ihm dieser Bekanntheitsgrad jedoch zum Verhängnis. Brodsky wurde des Verdachtes bezichtigt, Parasitentum zu betreiben. Hinzu kam im einen veröffentlichen Artikel die Beschuldigung, dass er eine Flugzeugentführung plane, mithilfe der er ins Ausland reisen wollte. Joseph Brodsky erhielt für dieses teilweise gefährdende Handeln fünf Jahre Zwangsarbeit im Norden Russlands, aus der er jedoch bereits nach 18 Monaten wieder entlassen wurde. Trotz der frühzeitigen Begnadigung konnte Brodsky seinen Namen nicht wirklich wieder reinwaschen und so bürgerte man ihn 1972 aus der Sowjetunion aus.
Im Exil, bzw. in seiner neuen Heimat, den USA, konnte Brodskys Aufstieg aber seinen weiteren Werdegang vollziehen. Neben den vielen Gedichten, die er nach wie vor zumeist auf Russisch schrieb, stammen aus den folgenden Jahren einige bedeutende Essays wie „Flucht aus Byzanz“ in englischer Sprache. Nachdem Joseph Brodsky 1977 die Staatsbürgerschaft der USA erhielt, arbeitete er als Gastprofessor an zahlreichen namenhaften Universitäten wie der Columbia University. Sein größtes Werk veröffentlichte Brodsky 1982 mit dem Gedichtband „Römische Elegien und andere Gedichte“, für das er nicht zuletzt den Literaturnobelpreis 1987 erhielt. Rückblickend erfreute sich Brodsky in seinen letzten Jahren, in denen er innerhalb einiger Essays noch seine Meinung kundtat, an weiteren Auszeichnungen wie der Ehrendoktorwürde der Yale-Universität. Auch wenn seine Werke in den 90ern auch wieder in Russland herausgebracht wurden, kehrte er nie in die Heimat zurück. Am 28.Januar 1996 verstarb Joseph Brodsky nach einer Herzattacke in New York und wurde kurz darauf auf eigenen Wunsch in Venedig beerdigt.
