Die ewigen Anwärter
Eigentlich ist der Literaturnobelpreis eine wahnsinnig tolle Sache, ehrt er doch zumeist das Lebenswerk eines begnadeten Schriftstellers. Das große Problem aber ist, dass es eben fast immer nur einen Gewinner geben kann und wenn die Konkurrenz stark ist, gehen viele andere leer aus. So zählen zahlreiche Autoren stets zu den heißen Anwärtern; der erste Platz bleib ihn allen aber bisher verwehrt. Womöglich findet sich unter den vielfältigen Wartegästen auch der Gewinner des Jahres 2011, der letztjährige Mario Vargas Llosa gehörte einst selbst zu diesen namhaften Autoren. Für einige, die stets hochgehandelt waren, blieb der Gewinn ein ewiger Träum, so zählten auch Harry Mulisch und Jerome David Salinger, die beide im letzten Jahr verstorben sind, zum großen Kreis der ewigen Kandidaten.
Don DeLillo (geb. 1936 USA)
Zugegeben, einfach sind die meist düsteren Romane von DeLillo nicht, doch eben darin findet sich das Außergewöhnliche beim gebürtigen New Yorker. Sprachgewandt spricht er über das apokalyptische Ende einer sich zu Abgrund richtenden amerikanischen Gesellschaft. DeLillos Durchbruch erfolgte bereits 1977 mit „Players“, 2010 sorgte er mit „Der Omega-Punkt“ für Aufsehen.
Haruki Murakami (geb. 1949 Japan)
Was den Japaner Murakami und all seine Werke auszeichnet, ist der Kampf gegen sich und die Gesellschaft, die einen umgibt. So zeichnet er in seinen Romanen wie „Naokos Lächeln“ eine moderne japanische Generation. Im vergangenen Jahr beeindruckte Murakami mit „1Q84“, einer Hommage an George Orwells größten Erfolg.
Milan Kundera (geb. 1929 Tschechien)
Auch für Milan Kundera steht die Gesellschaft im Vordergrund. Seine Themen spiegeln in erster Linie die Probleme sozialistisch geprägter Schichten wieder, wobei er selbst ein sehr facettenreicher Autor ist. Neben dem Durchbruchswerk „Der Scherz“ sind vor allem „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ und das bisher letzte große Schriftstück, „Die Identität“, eine Lesereise wert.
Cees Nooteboom (geb. 1933 Niederlande)
Die frühe Lyrik von Cornelis Johannes Jakobus Maria Nooteboom war zumindest in seiner Heimat absolut angesehen. Der große Durchbruch erfolgte aber erst mit seinen Romanen, die sich durch die Suche nach der eigenen Wahrnehmung und dem Sinn charakterisieren. Von den zumeist als Reisereportagen verfassten Stücken ist besonders „Der Umweg nach Santiago“ zu empfehlen.
Thomas Pynchon (geb. 1937 USA)
Dass insbesondere in den Vereinigten Staaten viel noch nicht ausgezeichnete Autoren leben, zeigt neben DeLillo auch Thomas Pynchon. Das 2006 herausgebrachte „Gegen den Tag“ ist nur eines seiner monumentalen Werke, die sinnbildlich für die Undurchschaubarkeit der Moderne stehen und Pynchon zum Vertreter der postmodernen Literatur werden lässt.
Philip Roth (geb. 1933 USA)
Philip Roth wäre der Nächste, der sich in die Riege der bisher nicht berücksichtigten amerikanischen Autoren einreiht. Mit seinen Großstadtgeschichten, die durchlaufen sind von humoristischen Kennzeichen, zeigt er das Leben amerikanischer Juden. So besticht auch sein 2010 veröffentlichtes Werk „Nemesis“ mit der gewohnten Spielerei, die schon bei früheren Stücken zu erkennen war.
Joyce Carol Oates (geb. 1938 USA)
Dass es sich bei guten Autoren, die man bei einem Besuch über den Teich zu hören bekommt, nicht ausschließlich um männliche Exemplare handeln muss, beweist Joyce Carol Oates. Ihre Erzählungen thematisieren das alltägliche Leben von physisch und psychisch unterdrückten Frauen. Eindrucksvoll gestaltet werden „Zombie“ und „Ausgesetzt“ zum nicht zu vergessenen Leseabenteuer.
Louis Begley (geb. 1933 Polen)
Gar nicht weit reisen muss man zu Ludwik Begleiters Herkunft, doch auch ihn hat es mittlerweile in die USA getrieben. Schon mit 13 Jahren wanderte der studierte Jurist aus, verdiente sich lange als Anwalt seine Brötchen. Sein Debütoman „Lügen in Zeiten des Krieges“ schrieb er erst mit 57 Jahren. Die nachfolgenden wie „Schiffbruch“ zeigten all seine eigenen Erfahrungen und die Selbstfindungsprozesse einer gutbürgerlichen Gesellschaft.
Ian McEwan (geb. 1948 Großbritannien)
Im Jahr 2000 ehrte die Queen Ian Russell McEwan mit dem CBE, er muss also etwas auf der Schippe haben. Dass er dies in jedem Fall hat, beweisen seine authentischen Romane. Stets gut analysiert zeigt er das menschliche Verhalten mit allen dunklen Geheimnissen, Tod, Intrigen und Obsessionen. Erst im vergangenen Jahr erschien „Solar“, das verfilmte Werk „Der Zementgarten“ schon 1978.
António Lobo Antunes (geb. 1942 Portugal)
Wenn man an Antunes denkt, verbindet man vor allem seinen Früherfolg „Der Judaskuss“ aus dem Jahr 1979 mit ihm. Doch auch die späteren Stücke wie „Anweisungen an die Krokodile“ zeigen seine ganze Kritik am modernen Portugal, welches Antunes nicht selten als verantwortlich für Angst- und Gewaltzustände charakterisiert.
Sir Salman Rushdie (geb.1947 Indien)
Auch ein Sir findet sich in dieser langen Liste wieder, so gebührt dem Inder Rushdie dieser Titel seit 2007. Schon seit den frühen 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts lebt er in England, dort gelang ihm auch der literarische Durchbruch. Orientalische Tradition gepaart mit mythologischen und gesellschaftlichen Elementen zeigt sich unter anderem in „Scham und Schande“.
Ismail Kadaré (geb. 1936 Albanien)
Früher hat man kritisiert, dass die meisten Kandidaten aus dem mittel- und nordeuropäischen Raum selektiert wurden, doch seit Jahren gilt auch Ismail Kadaré aus Albanien zum engen Favoritenkreis. Zwar lebt er seit 1990 in Frankreich, seine Werke beschäftigen sich aber in erster Linie noch immer mit der Heimat, so auch einer seiner bekanntesten Romane „Der zerrissene April“.
Antonio Tabucchi (geb. 1943 Italien)
Italienische Gewinner gab es schon viele, einen Luigi Pirandello oder einen Dario Fo beispielsweise. Antonio Tabucchi konnte sich noch nicht in die Liste der Nobelpreisträger eintragen, wohlgemerkt noch nicht. Der Pessoa-Übersetzer sucht in seinen Romanen nun schon seit fast 30 Jahren nach der individuellen Identität, so auch in „Das Umkehrspiel“ und „Die Zeit altert schnell“.
Margaret Atwood (geb. 1939 Kanada)
Die Schriftstellerin Margaret Atwood ist Jahrzehnte lang durch Hörsäle in ganz Europa gepilgert. Mit Mitte zwanzig begann sie Gedichte zu veröffentlichen, ihre Romane konnten in der Folge absoluten Weltruhm erreichen. Auch sie sucht nach der weiblichen Selbstbestimmung, Gesellschaftskritik mit eingeschlossen. Ohne Frage eine Lesung wert sind „Moralische Unordnung“ und „Das Jahr der Flut“.
Bob Dylan (geb. 1941 USA)
Eigentlich ist Bob Dylan alias Robert Allen Zimmermann Musiker und Schauspieler. Doch scheinbar reicht ihm das noch nicht. Des Öfteren hat Dylan nämlich auch schon literarisch auf sich aufmerksam gemacht. Legendär sind heute die 1963 veröffentlichten „Elf Entwürfe für meinen Grabspruch“. Sein Talent liegt irgendwie überall, die zynische Darstellung schwingt immer mit.
Amos Oz (geb. 1939 Israel)
Die moderne Befindlichkeit einer sich stets wandelnden israelischen Gesellschaft zeichnet das Bild, das der in Jerusalem geborene Amos Oz aufbaut. Den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels hat er dank vieler politsicher Essays bereits bekommen. „Mein Michael“ und „Der dritte Zustand“ sind mehr als nur Empfehlungen für den Literaturnobelpreis.
Assia Djebar (geb. 1936 Algerien)
Den Schluss unserer langen Liste der ewigen Kandidaten mimt die Algerierin Assia Djebar, die bürgerlich auf den Namen Fatima Zohra Imalayene hört. Seit 1954 lebt sie im französischen Exil, bekannt wurde sie mit einer Romantetralogie über die algerische Geschichte ab 1830. Im Exil verfasste sie unter anderem 1967 „Die Frauen von Algier“. Auch Djebar hat bereit den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ergattern können.





